20 Jahre

BIKE Transalp: Wie alles begann

2017 fand die 20ste BIKE-Transalp statt. Ein Jubiläum, das gefeiert werden musste. Im Interview erzählt der Erfinder, Uli Stanciu, wie er zu der Idee kam und welche Hürden er nehmen musste, um die Mutter aller Etappenrennen mit dem Mountainbike, das Original, auf die Beine zu stellen. 

1. Wann kam Dir der Gedanke, aus der noch jungen Idee „Transalp“ mit dem Bike ein Event oder sogar ein Rennen zu machen? 

Uli Stanciu: Es war 1994. Ich war bis dahin vier Transalp-Touren gefahren (seit 1990 jedes Jahr eine) und hatte sie jeweils im Bike Magazin als eine Art Fotostory veröffentlicht. Die Leser waren begeistert, wollten aber den Streckenverlauf genauer beschrieben haben. Also haben wir uns 1993 entschlossen ein Roadbook mitzuschreiben. Das wollte ich eigentlich im Heft veröffentlichen, aber es waren für alle Etappen mehr als 30 Seiten Tabelle. Das konnte ich unmöglich im Heft drucken. Also habe ich unter den Text einen Kasten gesetzt mit dem Vorschlag, dass alle interessierten Leser das ausgedruckte Roadbook per Postkarte bei uns anfordern könnten (damals gab es noch kein E-Mail). Was dann kam, war wie ein Rausch. Wir bekamen allein in der ersten Woche 4500 Anfragen. Meine Assistentin Anette und ich waren völlig überfordert. Aber ich wusste eines: Diese neue Urlaubsidee Transalp hatte eingeschlagen. Und ich fragte mich: Warum machen wir daraus nicht einen Event, eine Art Volkslauf oder auch ein Rennen….? 

2. Wie sahen die ersten Ideen für diesen Event aus? Wie kam es zu der Entscheidung, ein Etappenrennen mit Zweierteams durchzuführen? 

Uli Stanciu: Von 1994 bis Anfang 1997 beschäftigte mich die Idee, aber ich hatte ja keinerlei Erfahrung, ich hatte zwar viele Bike-Events gesehen, aber noch nie ein Bike-Rennen selbst organisiert. Außerdem hatte ich als Chefredakteur des Bike Magazins ja alle Hände voll zu tun mit dem Blatt, das monatlich erschien. Aber gedanklich bastelte ich an einem neuartigen Konzept. Es war dann im Frühjahr 1997 – bei einem Worldcup Rennen im Napa Valley (Kaliforniern) traf ich Wolfgang Renner, den Chef von Centurion und ich erzählte ihm beim Abendessen die Idee von einer neuen Art Orientierungsrennen: Transalp – die Teilnehmer treffen sich in Mittenwald und bekommen an einem Auftaktabend alle ein Roadbook. Damit müssen sie die Strecke finden. Ansonsten fahren alle auf eigene Kappe, mit eigener Verantwortung ohne weitere Organisation – ich traute mir damals einfach nicht zu die Genehmigungen für ein echtes Rennen zu bekommen. Auf der Strecke sollte es 20 geheime Kontrollstellen geben. Jeder Teilnehmer sollte von jeder Kontrollstelle einen Stempel mit zum Ziel nach Riva bringen. Wer mit 20 Stempeln ankam, war in der Wertung. Fertig. Und ich sagte dazu: Wer zum Beispiel schon mittwochs ankommt, der muss eben auf die anderen Teilnehmer warten. Das ist am Gardasee ja keine Strafe. Als Wolfgang Renner dieses Konzept hörte, sagte er spontan: „Uli, wenn Du das machst, bin ich Dein erster Sponsor.“ Ich fragte nur: „Wie viel.“ Er sagte: „25.000 Mark.“ Das war für mich der Startschuss, denn die Finanzierung eines solchen Events war ja entscheidend. 

3. Wann bist Du mit der Idee erstmals in die Offensive gegangen? Wer musste überzeugt werden? Welche Hürden mussten genommen werden? 

Uli Stanciu: Kurz nach dem Napa Valley habe ich die Idee unserer damaligen Event Agentur, die das Bike Festival am Gardasee organisierte, vorgestellt. Auch deren Geschäftsführer Heini Albrecht war begeistert. Ich habe das genaue Konzept dann im Lauf des Sommers geschrieben. Wesentlich war dabei die Idee des Teamrennens. Ich wollte das zuerst aus Sicherheitsgründen einführen, denn auch nur ansatzweise gefährliche Sachen macht man nicht allein – Tauchen, Klettern oder eben mit dem Bike über die Alpen radeln. Ich konnte mir bei dem Orientierungsrennen einfach noch keine durchgehende medizinische Betreuung vorstellen, wie wir sie heute haben. Ich wollte, dass jeder Teilnehmer einen Partner hat, der helfen oder zumindest Hilfe holen kann. Ich habe dann in der November Ausgabe 1997 des Bike Magazins eine Ausschreibung gemacht. Der Erfolg war durchschlagend – wir hatten schon nach kurzer Zeit 250 Zweierteams zusammen, also 500 Teilnehmer. Das war meine Zielvorstellung gewesen. Allerdings stand der Verlag dem Unternehmen anfangs sehr skeptisch gegenüber – „wir sind ein Verlag und kein Rennveranstalter“. Ich argumentierte mit Engelszungen, dass so ein Event die Leser-Blatt-Bindung erhöhen würde, dass wir damit unseren Lesern nicht nur bedrucktes Papier, sondern echtes Erlebnis liefern könnten, dass das Bike Magazin damit wirklich weltweit bekannt werden würde. Schließlich stimmte der Verleger zu und wir konnten loslegen. Allerdings musste ich die Idee des freien Orientierungsrennens bald danach aufgeben. Es rief mich Hubert Schwarz an, der Extrembiker, die in 80 Tagen um die Welt geradelt war, und sagte: „Uli, das ist das Rennen für mich. Da fahre ich Tag und Nacht durch – in 48 Stunden bin ich in Riva.“ Wow, erst war ich begeistert, dass wir so eine Zugmaschine hätten, doch dann dachte ich ein bisschen nach: So ein Extremsportler mit viel Erfahrung konnte das wohl schaffen. Aber stell Dir einen 18jährigen Jungen ohne Erfahrung vor, der es ihm nachmacht und nachts auf einem einsamen Pass in einen Gewittersturm gerät und zu Tode kommt…. Der kann noch so viele Haftungsausschlusserklärungen unterschrieben haben – seine Mutter wird mich anklagen: Wo haben Sie meinen Sohn da rein getrieben. Da wurde mir klar, dass wir ein organisiertes Etappenrennen machen müssten. 

4. Wer waren die wichtigsten Wegbegleiter in den Planungen zur ersten Transalp? 

Uli Stanciu: Das war zuerst mal Heini Albrecht von der Eventagentur. Nach der Entscheidung zum Etappenrennen im Januar 1998 organisierte er einen Termin bei der Tirol-Werbung. Denn gerade für Tirol hatte ich die größten Bedenken. Würden wir da Genehmigungen von den Grundbesitzern bekommen? In Innsbruck stellten wir die Idee dem damaligen Marketingchef der Tirol Werbung, Luis Thurner, vor. Völlig wider Erwarten umarmte er mich fast und sagte: „Das ist die Idee, auf die wir gewartet haben. Tirol ist ja nur ein Durchgangsland für Biker. Die fahren alle an den Gardasee. Aber mit diesem Event können wir zeigen, dass wir auch hier in Tirol tolle Bike-Strecken haben.“ Ich fragte kleinlaut: „Und die Genehmigungen?“ Er wischte die Frage beiseite: „Machen wir. Da kümmere ich mich persönlich drum.“ Das war der Schlüssel, ich legte die Etappenorte fest und wir besuchten einen nach dem anderen. Eine große Hilfe dabei waren mein Freund und Hotelier Paolo Zontini aus Riva, der Hotelier Franz Call aus St.Vigil und natürlich meine heutige Frau Giovanna Dorigati, damals Tourismusdirektorin in Folgaria. Sie alle haben den Wert und die Faszination der Idee Transalp sofort erkannt und wesentlich mitgeholfen. 

5. Wieso klappte es dann gerade 1998? Hattet Ihr Zeit für die Planung oder musste es dann ganz schnell gehen? 

Uli Stanciu: Mit der Festlegung auf ein Etappenrennen und der Zusage aller Etappenorte konnten wir loslegen. Ich hatte die Strecke schon genau im Kopf, aber noch nie in dieser Form zusammenhängend abgefahren. Ich wollte die Kombination der besten Teilstücke meiner bisherigen Transalp Touren zusammenstellen. Also bin ich im Juni, nur etwa sechs Wochen vor dem Event, die Strecke nochmal komplett abgefahren – zusammen mit Sponsor Wolfgang Renner und Karen Eller, später mehrfach Transalp-Siegerin, als Fotomodell. Dabei habe ich das endgültige Roadbook geschrieben und alle Verpflegungsstellen festgelegt. Und dann musste natürlich alles ganz schnell gehen, vor allem die Vorbereitung der Organisation, die Schulung des Personals, die Betreuung der Sponsoren, vor allem adidas als erstem Titelsponsor. 

6. Wann startete die Anmeldung und wie war das Interesse für die erste Transalp? Wie viele Teams waren 1998 am Start? 

Uli Stanciu: Die Anmeldung war ein Durchmarsch, wir hatten schon nach kurzer Zeit die erhofften 500 Teilnehmer. Ich hatte die Ausschreibung so formuliert, dass man sich nicht einfach anmelden, sondern richtiggehend bewerben musste. Wir wollten nur die Besten nehmen – „nur die Harten kommen in den Garten“. Wir erhielten also ganz viele Bewerbungen mit Fotos und Lebensläufen und Listen aller Marathons, die die Biker schon gefahren hatten. Eine kleine Anekdote am Rande: Alle Teilnehmer sollten ja ausschließlich mit Roadbook fahren. Wir ließen also 500 Roadbooks drucken. Mir war aber klar, dass vor allem die Führenden sich nicht die Zeit nehmen würden an jeder Kreuzung das Roadbook rauszuziehen und nachzulesen. Also entschloss ich mich mit einem kleinen Geländemotorrad vorauszufahren und an den wichtigsten Abzweigen Pfeile auf den Boden zu sprühen. Dazu nahm ich giftgrüne Baumarkierungsfarbe. Grün – weil das Bike Magazin einen grünen Titelschriftzug hat. Ich startete also etwa fünfzehn Minuten vor den Teilnehmern und sprühte Pfeile, manchmal schrieb ich auch das Wort Transalp auf den Asphalt oder in den Schotter, weil ich wollte, dass der Begriff bekannt wird. Für den ersten Anstieg zum Karwendelhaus hatte ich meine Zeit im Kopf, ich konnte das in etwa eineinhalb Stunden fahren. Also dachte ich, dass die Spitzenfahrer vielleicht ein bisschen schneller sein würden. Ich ließ mir also Zeit und sprühte fleißig. Oben am Hochalmsattel an einem Gatter schaute ich mich um und da kam schon das erste Team, eine halbe Stunde früher als ich erwartet hatte. Ich war total baff über den Speed, den Ekki Dörschlag und Siegi Hochenwarter fuhren. Ich schwang mich aufs Moped und raste zum kleinen Ahornboden runter. Doch die beiden waren schneller, überholten mich. Ich konnte für sie also keine Pfeile mehr sprühen. Immerhin – am Plumsjoch bergauf überholte ich sie wieder. Doch unten am Achensee holten sie mich wieder ein, als ich gerade einen Pfeil sprühte. Und bis zum Ziel in Weerberg sah ich sie nicht mehr – sie hatten statt meinem Kurs die Bundesstraße genommen und nicht ins Roadbook geschaut, dadurch eine Kontrollstation verpasst und sie kriegten dafür eine Stunde Strafzeit. Das war für uns alle eine Lernphase, besonders für mich. 

7. Wie war das Feedback der Teilnehmer auf die erste Transalp 1998 und wie hat sich die Idee in den ersten drei Jahren entwickelt? 

Uli Stanciu: Das Besondere an der ersten Transalp war, dass es so ein Team-Etappenrennen noch nie vorher gegeben hatte. Keiner wusste genau, was ihn erwarten würde – ehrlich gesagt, auch ich nicht. Aber die Strecke war toll und die Organisation hervorragend. Das übertraf die Erwartungshaltung aller Teilnehmer bei weitem. Ich erinnere mich bis heute an den Abend der dritten Etappe in St.Vigil vor dem Dolomitenpanorama. Speaker Mike Hamel hatte auf der Bühne bei ACDCs „Highway to hell“ die Teilnehmer angeheizt: „Wir findet Ihr die Transalp?“, rief er. Es gab ein Gejohle, Freudentänze, die Teilnehmer stiegen auf die Tische und klatschten rhythmisch. Es war ein kollektives Glücksgefühl, ein Wir-Gefühl aller Transalp Pioniere. Mir lief es kalt den Rücken runter. Da hatten wir ganz offenbar ins Schwarze getroffen. Und dieses Glücksgefühl hielt an bis Riva. Die Finisher fielen sich in die Arme, manchen liefen die Tränen. Mir kam der Gedanke: Transalp kostet nicht viel, aber macht unglaublich reich. 

8. Wie viel dieses Entdeckergeistes der ersten Jahre steckt heute noch in der Transalp? Was ist geblieben, was ist heute anders? 

Uli Stanciu: Ganz wesentlich für den Erfolg der Transalp war sicher der Teamgedanke. Anfangs hatte ich das ja aus Sicherheitsgründen eingeführt. Aber schon beim ersten Rennen wurde klar, dass dadurch eine besondere Atmosphäre entstand. Bei allen anderen Rennen war jeder andere Teilnehmer Dein Gegner. Hier bei der Transalp hattest Du immer einen Partner, einen Freund/in. Man kämpfte zusammen, man litt zusammen, man freute sich zusammen, man half sich, vielen schoben ihren Partner, man konnte sich abends jedes Detail nochmal erzählen. Das war alles neu. Dieses Gemeinschaftsgefühl gab es bei anderen Rennen nicht. Wohl auch deshalb ist das Transalp Konzept später so oft kopiert worden – in allen Erdteilen. Ich persönlich bin ein bisschen stolz darauf – nur gute Ideen werden kopiert. Der Pioniergeist der ersten Jahre ist heute sicher nicht mehr in dem Maß vorhanden. Klar, jedes Team kennt nach 20 Jahren den Ablauf. Und man kann das Rad ja nicht immer neu erfinden. Aber weiterhin sind die Strecken toll, das Erlebnis großartig, das Wir-Gefühl einmalig. Und was immer bleiben wird, ist dieses berauschende Transalp Gefühl, das anders ist als bei anderen Rennen, die auf irgendwelchen Kursen im Gebirge führen – wir überqueren die Alpen, diese große Barriere mitten in Europa, nur mit Muskelkraft – wie es die Römer oder die mittelalterlichen Säumer getan haben, abseits der Verkehrsströme auf einsamen Wegen mit sensationellen Panoramen. Die Überquerung eines ganzen Gebirges, vom kühlen Norden in den sonnigen Süden, das Abenteuer, das darin besteht, dass man morgens losfährt und nicht genau weiß, welche Trails einen erwarten und wo man abends ankommt, das ist Transalp. Und das wird es bleiben.

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